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DIE WETTE ZWISCHEN GOTT, MEPHISTO UND FAUST

 von Harald Meyer

 

Wenn wir den Jahrhundert-Text der Faust-Tragödie von Goethe mit der aktuellen historischen Situation in Verbindung bringen wollen, sollten wir selbstverständlich davon ausgehen, was Goethe gemeint und gewollt hat, aber uns nicht darauf beschränken, sondern zu klären versuchen, auf welchen objektiven Befund dieser Text verweist. Es liegt dabei nahe, sich besonders mit dem Zweiten Teil zu befassen: Welche gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen, philosophisch-ästhetischen Prozesse werden in den Gestalten und Szenen von Faust II abgebildet? Wieweit konnte Goethe in einem Theatertext gesellschaftliche, wissenschaftliche, wirtschaftliche und politische Prozesse erfassen und oder sogar voraussehen?

- Die Alchimistenwerkstatt im Ersten Teil wird im Zweiten Teil zum technisches Labor, in dem die Herstellung des künstlichen Menschen als Homunculus gelingt, der sich als sprachbegabt und bildungsfähig erweist und Faust auf einer Zeitreise in die Antike führen kann.

- Die Walpurgisnacht im Ersten Teil, von Gründgens schon als exzessives Vergnügen im Stil einer Disco-Party dargestellt, ist mit der Klassischen Walpurgisnacht im Zweiten Teil verbunden. Sie bieten Goethe Gelegenheit, Mythologien des Nordens und des Mittelmeeres, Gestalten des Theaters, der Literatur und Philosophie, volkstümliche und komische Figuren, bizarre Albtraumwesen und Geistererscheinungen vorzuführen und miteinander ins Spiel zu bringen. Kann man diese Teile des Faust schon als Vorankündigung der aktuellen Fantasieweltexpansion sehen?

- Ein fiktiver kaiserlicher Hofstaat bildet den Rahmen für orientierungsloses Handeln, verschwenderische Karnevalsfeiern, fantastische Geldvermehrung, Verschwendung, machtpolitische Spaltung und leichtfertiges militärisches Vorgehen mit unkontrollierter Gewaltanwendung – sicherlich als Zeitkritik auch aufgrund seiner eigenen Weimarer Erfahrungen zu verstehen.

- Faust wird im Ersten Teil vom Gelehrten und alchimistischen Experimentator und in der Tragödie um Margarete zum leichtfertigen und gewissenlosen Liebhaber, im Zweiten Teil zum finanzpolitischen und militärischen Berater und schließlich zum eigenständigen Unternehmer, Organisator und Kolonisator, der erfolgreich die Natur beherrschen lernt, indem er das Meer eindeicht und das neugewonnenes Land urbar macht. Er baut einen Hafen, rüstet Schiffe aus, betreibt Handel und Piraterie und schafft sich seinen eigenen Grundbesitz. Die Tragödie um Philemon und Baucis kann auch schon als früher Bezug auf das weltweite Thema der durch die Marktmonopole bedrohten Selbstversorgung gelesen werden.

Die Bewunderung für die fantasievolle Buntheit der Einfälle, die Präsenz der Figuren, die Lockerheit der Szenenfolge und die kraftvoll-melodiöse Sprache verbindet sich mit dem Erstaunen darüber, dass Goethe hier Zusammenhänge abgebildet hat, die in keinem anderen Medium der Kunst und Philosophie eine ähnliche Rolle spielen. Und so komplex und überfrachtet diese Theaterszenen auch sein mögen, so bieten sie doch eine Fülle sinnfälliger Rollen. Auch wenn Aufführungen des überlangen Textes eher selten überzeugen, so behalten die Bilder bis heute ihre faszinierende Ausstrahlung.

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In der unübersehbaren Flut von Interpretationen gelingt es nicht immer, überlieferte Verengungen der Sichtweise auf den Text aufzulösen. Das hat mit dem klassischen Verfahren zu tun, von einzelnen Formulierungen auszugehen und sie nicht den Gesamtzusammenhang zu stellen: Wenn man den Text vom Prolog im Himmel an liest, so ist die Rolle des Mephisto im Grunde sehr klar, entspricht aber nicht der generellen Auffassung des Teufels als Agent des Bösen. Er holt sich, ähnlich wie schon im Fall Hiob den Auftrag Gottes, einen ihm treu dienenden Menschen auf die Probe zu stellen und herauszufinden, wieweit er sich letztlich von seinem Wege abbringen lässt. Er erweist sich dann als verführerischer Anreger, der Bewegung in Fausts Leben bringt. Entgegen allen Erwartungen, die die Gestalt des Teufels hervorruft, tritt aber das Böse im Faust nicht personifiziert in Erscheinung, wenn auch Mephisto sich oft genug hemmungs- und gewissenlos verhält. Goethe spielt hier eher auf ein Zusammenwirken von Gott und Teufel, himmlischen Mächten und Geistern der Hölle an.i Im historische Bogen der Handlung, der von der Antike übers Mittelalter bis in die Zeit Goethes reicht, sind Faust und Mephisto in militärische und machtpolitische Aktionen verwickelt, die Opfer fordern; sie nehmen selbstherrlich Teil am Bösen dieser Welt, und in der Schluss-Szene wird Faust selber zum egoistischen Protagonisten von Vertreibung und Gewalt.

Im Buch Hiob will der Teufel Gott beweisen, dass auch der gottesfürchtigste Mensch letztlich zu schwach ist, um nicht doch sein Vertrauen in Gott zu verlieren, wenn er nur genügend hart auf die Probe gestellt wird. Gott geht mit dem Teufel eine Wette darüber ein. Sie wird aber am Schluss des Buches nicht mehr erwähnt, nachdem Hiob sich im Gespräch mit seinen Freunden gegen deren Kritik verteidigt und seine Treue zu Gott bewiesen hat.

Nach diesem Vorbild verfasste Goethe für die Eröffnung Faust-Tragödie den Prolog im Himmel. An die Stelle des reichen Großbauern Hiob tritt hier der gelehrte Alchimist Doktor Faust und der Teufel heißt hier Mephisto. Gott unterhält sich mit ihm über Faust, den er wie Hiob ‘seinen Knecht‘ nennt und von dem er annimmt, dass er in seiner Wahrheitssuche letztlich durch Zweifel und Irrtümer hindurch unbewusst den rechten Weg finden wird, während Mephisto überzeugt ist, dass er ihn von diesem Wege abbringen kann. Gott sieht in Mephisto eine Herausforderung für Faust, nicht in Trägheit zu verharren, sondern sich neugierig, schöpferisch aktiv zu verhalten; er ist für Faust also nicht nur keine Gefahr, sondern ein anregender Begleiter. Und so stellt sich Mephisto auch selber dar, indem er von sich sagt: “Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

So kommt es zu einer doppelten Wette: Mephisto wettet mit Gott um Fausts Standhaftigkeit und erhält von Gott die Erlaubnis, alle Mittel zu versuchen, um die Seele des Faust für sich zu gewinnen Als erstes gelingt es ihm, eine zweite Wette abzuschließen, bei der Faust seine Seele an ihn verlieren würde, falls er sich dem Genuss der Ruhe hingeben würde, wenn also seine bisherige Rastlosigkeit zum Stillstand käme: “Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön!“

Im Verlauf der Handlung durchmessen die Faust und sein Begleiter Mephisto historisch-realistische und fantastische Höhen und Tiefen. Beide Teile enden damit, dass ein Idyll zum Albtraum, zur Hölle wird: Im Ersten Teil ist es das unerfahrene Mädchen Margarete, das mit Mephistos Hilfe von Faust verführt wird.ii Mephisto lässt Faust den sich ihm in den Weg stellenden Bruder erstechen.

Damit nimmt die Tragödie ihren Lauf: Nachdem Margarete ihren Bruder verloren hat, wird sie wegen ihres Umgangs mit Faust und ihres unehelichen Kindes geächtet, ihre Mutter

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stirbt aus Gram darüber; sie ertränkt aus Verzweiflung ihr Kind und erwartet dann als Verbrecherin im Gefängnis ihre Hinrichtung. Im Zweiten Teil ist es das in gegenseitiger Liebe altgewordene Paar Philemon und Baucis, das zusammen mit einem gastfreundlich aufgenommenen und bewirteten Wanderer in den Flammen ihres in Brand gesetzten Anwesens umkommt. Faust hatte Mephisto beauftragt, die alten Leute umzusiedeln, weil deren Haus mit Garten und Kapelle seinen eigenen Bauplänen im Wege stand. Ihre Weigerung und der bewaffnete Widerstand des unerwarteten Dritten lösen dann die Katastrophe aus.

Faust wird im Ersten Teil durch Mephisto aus seinem Studierzimmer gelockt und in die Welt geführt, wobei durch seine männliche Ungeduld und Verantwortungslosigkeit mehrfachen Tod verursacht. Im Zweiten Teil verschafft Mephisto durch elegantes Auftreten, Geschicklichkeit, psychologischen Spürsinn und seine iiiSprachgewandtheit dem wieder älter werdenden Faust die Möglichkeit, als politischer Akteur aufzusteigen, sich an militärischen Abenteuern zu beteiligen und grenzenlose Träume zu verwirklichen. So kann Faust mit seiner Hilfe das Sinnbild aller verführerischen Frauen, die Helena der Ilias aus der klassischen Antike in seine mittelalterliche Welt holen, mit ihr zusammenzuleben und ein Kind zeugen.

Doch jeder der erfüllten Träume löst sich wieder auf: der im Labor erzeugte Homunculus verliert sich in seinen Urelementen, Euphorion als Sohn Faustens und Helena stirbt wie Ikarus nach einem leichtsinnigen Höhenflug. Am Schluss wird Faust, immer noch durch die tatkräftige Mitwirkung des Mephisto, zum Unternehmer. Er befehligt ein Heer von Arbeitern, die dem Meer das Land abgewinnen sollen, auf dem er seine Kolonie begründen kann. Dabei dienen ihm drei Männer mit großer Körperkraft und nackter Gewalt, unersättlicher Habgier und unerbittlichem Geiz zur Durchsetzung seiner Ziele. Er wird damit zum Sinnbild des Kolonialherren, dessen Handlungen außer Kontrolle geraten, und anlässlich der wie aus Versehen ermordeten alten Leuten zeigt er nicht einmal mehr die Mitleidsreaktionen, die ihn im Ersten Teil dazu gebracht hatten, mit einem letzten vergeblichen Versuch Margarete aus dem Gefängnis und vor ihrer Hinrichtung zu retten.

Andererseits war sein letztes Projekt egoistisch und solidarisch zugleich: Indem er für ‘Millionen‘ von Menschen neuen Lebensraum schafft, könnte er sich selber endlich einen verdienten Augenblick der Ruhe wünschen. Und er spürt wohl, dass seine Zeit abgelaufen ist. In seiner Blindheit und Verwirrung hält er am Schluss die Spatenstiche um ihn herum für die Fortsetzung der anbefohlenen Arbeiten und nicht für das Ausheben seines eigenen Grabes.

Ist damit die Wette verloren? Im Sinne der Ersten Wette zwischen Gott und Mephisto heißt die Antwort eindeutig „Ja!“: Faust hatte durch seine verantwortungslose Liebesbeziehung zu Margarete den Tod ihres Bruders, ihrer Mutter, ihres Kindes und letztlich ihren eigenen Tod ausgelöst, er war an gewaltsamen Unternehmungen wissentlich beteiligt, und hatte den Tod von Philemon und Baucis zu verantworten: die Gewissenlosigkeit Mephistos war auch seine eigene: Er ist mehrere Male schuldig geworden; Mephisto hat ihn erfolgreich vom Weg des um tiefste Wahrheiten ringenden Gelehrten abbringen können!

Wenn man die Zweite Wette zwischen Mephisto und Faust wörtlich nimmt, verliert Faust auch hier. Die Abmachung lautete: Wenn Faust sich irgendwann einmal zum Genuss des Augenblicks bekennen und damit erklären würde, kein weiteres Ziel zu verfolgen, sollte Mephisto Besitz über dessen Seele gewinnen. Auch wenn Faust den Konjunktiv benutzt:

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“Dürft‘ ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön…“ verfällt er doch am Ende des Zweiten Teils ihrer im Ersten Teil getroffenen Vereinbarung.

Aber in einem der Grablegung des Faust folgenden allegorischen Nachspiel lässt Goethe das Mysterium der Auferstehung ereignen: Wie Dante am Ende der Commedia zu seiner göttlichen Beatrice aufsteigt, nähert sich Fausts Seele der zum Engel gewordenen Margarete.

Beide Hauptgestalten der Tragödie werden somit gerettet, erlöst: Im ersten Teil war Margarete unschuldig schuldig geworden und nach menschlichem Maß zu Recht als Verbrecherin verurteilt; aber die himmlische Gnade hob das Urteil auf und eine Stimme ‘von oben‘ verkündete das erlösende Wort “Ist gerettet!“

Faust wird im Ersten Teil schuldig als Mann, der für seinen egoistischen Genuss ein junges Mädchen verführt und als Schwangere ihrem Schicksal überlässt. Im zweiten Teil wird er schuldig wie fast alle Menschen, die sich handelnd auf die Mächte dieser Welt einlassen, aber durch den Eingriff ‘höherer Mächte‘ verliert doch nicht seine Seele an Mephisto. Im Vorspiel hieß es: “Es irrt der Mensch, solang er strebt.“ In Ergänzung zu diesem Wort Gottes verkünden im Nachspiel die Engel: “Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen!“

Es bleibt eine offene Frage, was Goethe mit diesem Schluss beabsichtigte: Man könnte sich vorstellen, dass das dem Prolog im Himmel vorangestellte Vorspiel auf dem Theater und die theatralische Apotheose als Nachspiel einen Bogen bilden sollten, um bewusst zu machen: es ist alles Theaterimagination! Goethe setzt für den Übergang zwischen Drama und Nachspiel Elemente derber Komik ein, die abschließenden Verse haben einen gesanglichen, enthusiastischen und zugleich heiter-verspielten Ton. Doch die Schlussbotschaft dieses gewaltigen Theaterspektakels wirkt ernüchternd banal: “Alle Wahrhaft Suchenden werden enttäuscht“ (Brecht, Mahagonny). Faust verliert sich bei seiner Suche nach Befriedigung seiner Wünsche in Irrtümer bis zum Tod, wird im vermeintlichen Bewusstsein menschheitsbeglückender Tat Opfer seiner selbst und stirbt in Blindheit und Sorge.iv Aber am Ende bleibt doch die tröstliche Vision, in der Gemeinschaft der Seelen wieder vereint zu werden als das sich ewig liebende Paar Heinrich und Margarete.

Die Apotheose, mit der die Tragödie endet, hat mit der doppelten Wette zwischen Gott, Mephisto und Faust nichts mehr zu tun. Die Aufgabe des Menschen ist es, bei seinem Streben nach Höherem sich vom Weiblichen leiten zu lassen.

Das berühmte Schlusswort ist: “Das Ewigweibliche zieht uns hinan“.

Hamburg, 20. August 2015

i Die unheimliche Doppelgestalt Mephistoles-Phorkyas läßt Goethe überraschend einfühlsam äußern: “Denn es muß von Herzen gehen, was auf Herzen wirken soll.“ (Faust II, 3. Akt Arkadien, Vers 9682-83) - gleichsam als Rekurs auf den Dichter im Vorspiel auf dem Theater:

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“Wodurch bewegt er (der Dichter) alle Herzen? … Ist es der Einklang nicht, der aus dem Busen dringt und in sein Herz die Welt zurückeschlingt?“ (Vorspiel auf dem Theater, Vers 138-41)

iiUnmittelbar nach der ersten Begegnung mit Margarete, erweist sich Faust als rücksichtlos-egoistischer Verführer: “Hör, du musst mir die Dirne schaffen… (Faust I, Straße, Vers 2618-75). Bereits vor dem ersten (und einzigen) sexuellen Kontakt mit Margarete hat er die ihr drohende Gefahr deutlich vor Augen, doch in emphatischer Selbstüberhöhung sieht er ihr Schicksal so eng mit seiner eigenen Verdammnis verbunden, dass er ihr Opfer als von ihm nicht mehr abwendbares Verhängnis rechtfertigt. “…Bin ich der Flüchtling nicht? Der Unbehauste?... (Faust I, Gretchens Stube, Vers 3347-3413)

iii Eckermann erinnert sich an sein Gespräch mit Goethe über den Schluss des Faust vom Montag, den 6. Juni 1831: »In diesen Versen«, sagte er, »ist der Schlüssel zu Fausts Rettung enthalten: in Faust selber eine immer höhere und reinere Tätigkeit bis ans Ende, und von oben die ihm zu Hülfe kommende ewige Liebe. Es steht dieses mit unserer religiösen Vorstellung durchaus in Harmonie, nach welcher wir nicht bloß durch eigene Kraft selig werden, sondern durch die hinzukommende göttliche Gnade. Diese Äußerungen sind missverstanden worden, indem Fausts ‘höhere und reinere Tätigkeit‘ auf die gesamte Entwicklung vom Ersten zum Zweiten Teil bezogen wurde, während Goethe im Kontrast zu seinem gesellschaftskritischem Faustdrama nach der ‘Grablegung‘ ein Schlussbild anhängt, das mit seinen ‘christlich-kirchlichen Figuren und Vorstellungen‘ an Dantes Aufstieg ins Paradies erinnert. Die mythologische Helena, die katholische Maria, die literarischen Frauengestalten Beatrice und Margarete verschmelzen in Goethes suggestiv-poetischer Vision zum Symbol einer Humanität, in der das Weibliche das Männliche zu einer höheren Herzensbildung erzieht (Faust II, Bergschluchten