Wie konnte gerade Goethe ein solcher Vorstoß in ansonsten unerschlossene gesellschaftlicher Vorgänge gelingen? In das damals wirtschaftlich rückständige und in Kleinstaaten zergliederte Deutschland kamen bereits Nachrichten aus anderen Ländern über wissenschaftliche Forschungen und technische Erfindungen, die Aufsehen erregten, auch sogleich aufgegriffen und technisch umgesetzt wurden (etwa der Einsatz der Dampfmaschine zum Betrieb von Berg-werkspumpen). Doch war es zur Zeit Goethes noch kaum erahnbar, dass die Dampfmaschine und andere Erfindungen eine derartige industrielle Umwälzung einleiten würde, wie sie sich bis heute fortsetzt. Aber Goethe muß gespürt haben, daß eine völlig neue Epoche begann, und so war er von der Idee beseelt, diesen Bruch mit der Vergangenheit und das Aufkommen neuer, die Natur und die Gesellschaft revolutionierender Prozesse in Szenen seines Faustdramas zu gestalten.

 

Der Stoff der Faust-Legende, die ihn von Kindheit an bedeutend erschien, bot ihm die Möglichkeit, Aspekte des Bedrohlichen, Gefährlichen und Zerstörerischen in seinem Protagonisten zu verkörpern, und zwar eindeutig in ihm selber: Die traditionelle Sichtweise hat eine Polarität zwischen Faust und Teufel behauptet, die dem Stück und Goethes Konzept nicht entspricht. Mephisto ist in beiden Teilen nichts weiter als der Agent, der Faust in dessen Zielsetzungen fördert und zur Umsetzung geniale Einfälle beisteuert und manchmal magische, manchmal kriminelle Mittel einsetzt.

 

Entgegen einer verbreiteten Auffassung ist Faust auch kein Selbstbildnis Goethes. Allerdings hat er ihm persönliche Züge verliehen und läßt ihn Passagen sprechen, die durchaus persönliches Bekenntnis sind und zum Schönsten ge-hören, was er geschrieben hat).

 

Goethe konnte, im Blick auf die Geschichte und die politischen Verhältnisse seiner Zeit, bestärkt von seinen vielfach problematischen Erfahrungen als beamteter Berater des Herzogs von Weimar, einen fiktiven Kaiserstaat als Modell entwerfen, der vom Mittelalter bis in eine offene Zukunft reicht. Es trägt alle Züge eines kränkelnden Gemeinwesens, das von Unrecht, Gewalt und Bürgerkrieg erschüttert wird. Hier läßt er mit Mephistos Hilfe Faust als Finanzberater, General und schließlich als Kaufmann, Reeder, Hafenbauer und Kolonisator und vor allem als rücksichtslosen Egoisten auftreten.

 

Shakespeare ähnlich ist es Goethe gelungen, etwas ihm sehr Fremdes, Beunruhigendes und Abstoßendes zur Substanz einer Bühnengestalt werden zu lassen, aber über Shakespeares Gestalten hinaus ist dieser Faust zu einer Symbolgestalt der von Europa ausgehenden Entwicklung geworden, die sich uns vielleicht erst heute in ihrer weitreichenden Bedeutung erschließt.

 

Wir beschäftigen uns besonders mit Faust II als Möglichkeit, die subjektive, die innere emotionale Dimension des unternehmerischen, machtbesessenen, rücksichtslosen Handelns des westlichen Akteurs wahrzunehmen – der mit seinem Unbefriedigtsein und seinem nicht zur Ruhekommen zum Global Player mit einer sich steigernden Beschleunigungstendenz geworden ist und damit auch zum Symbol zunehmender Umweltzerstörung.

 

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